Motorrad Helme (Mittelklasse)
Härtetest
Zehn Mittelklasse-Helme im großen Check. Die Überraschung: Keiner schnitt mit »sehr gut« ab, doch die Qualitätsunterschiede werden immer geringer.
Motorradhelme sind keine Mode-Accessoires. Sie mussen Leben schützen. Motorradhelm-Tests sind deshalb auch keine Teekränzchen, sondern Harteprufüngen, in denen Schwachlinge gnadenlos untergehen. In diesem Jahr war das anders. Da wollte keiner zu den Verlierern gehören. Zehn Mittelklasse-Helme (Verkaufspreise: 280 bis 500 Euro) wurden vom nach allen Regeln der (Ingenieurs-)Kunst in Labor und Praxis geprüft. Am Ende liegen die Gesamtnoten zwischen 1,8 und 2,8. Acht Helme tummeln sich auf den Notenrangen 2,1 bis 2,4 und selbst das Schlusslicht auf Platz zehn rangiert mit 2,8 noch vorn in der Kategorie "zufriedenstellend". Fazit: Alle Helme besitzen ein gutes bis befriedigendes Qualitatsniveau. Keiner wies so gravierende Mängel auf, dass eine Abwertung zwingend war.
Schlagtest bestanden
Testgewinner mit einem guten Gut: der Schuberth R1 (Note 1,8). Neben soliden Allgemeineigenschaften verdankt er seinen Sieg vor allem den guten aeroakustischen Qualitäten: Er ist mit Abstand der leiseste Helm im Vergleich. Der Uvex Helix RS 750 als Zweiter liegt mit Note 2,1 nur ein Zehntel vor dem X-Lite X-602. Der Shoei XR 1000 nimmt mit 2,3 die Verfolgung auf und rangiert wiederum nur eine Zehntelnote vor dem Quintett aus Arai Chaser, HJC HQ 1, Lazer Fiber D1, Nolan N 94 und Scorpion Exo 1000. Der Shark RSR2 auf Platz zehn verspielte einen noch besseren Schnitt als 2,8 durch Patzer im Kapitel Sicht.
Erfreulich sind die Testergebnisse beim Unfallschutz: Die Wertungen liegen auf einem hohen Niveau zwischen 1,5 und 2,5. Für die Stosdämpfung gibt es Noten von 1,7 bis 2,6. Den Abstreiftest entsprechend der aktuellen europäischen Prufnorm ECE-R 22.05 haben - anders als bei früheren Tests - alle Helme bestanden. Die grösten Unterschiede sind beim Gewicht der Helme festzustellen. Es reicht von rund 1.000 bis fast 1.700 Gramm ein Hinweis auf den Zukunftstrend: Leichte Helme werden durch die aufwendige Verarbeitung von Kohlefasermaterialien in den Helmschalen möglich. Der Uvex Helix RS 750 zeigt als leichtester Helm sogar die besten Ergebnisse der Stosdampfungsprufung. Das Gewicht spielt nicht nur in Sachen Komfort eine grose Rolle, sondern gewinnt auch bei einem Unfall an Bedeutung: Wenn der Oberkörper so angestoßen und verzögert wird, dass der Kopf frei nach hinten schwingen kann, belasten Kopf- und Helmgewicht die Halswirbelsäule. Weit auseinander liegen die Ergebnisse auch beim Thema Sicht. Erfreulich: Immer mehr Helme haben Doppelscheiben-Visiere, die den besten Schutz gegen gefährliches Beschlagen bieten. Weniger schön: Einzelne Visiere besitzen nur unzureichende Kratzfestigkeit. Hier setzt es sogar zweimal ein Mangelhaft. Denn: Kratzer führen zu Streulicht und beeinträchtigen Sicht und Sicherheit erheblich.
Belastung fürs Gehör
Obwohl es bei der Aerodynamik kaum Abweichler gibt (Noten von 1,7 bis 3,0), liefern die Helme in Sachen Innengeräusch sehr unterschiedliche Vorstellungen ab. Mit einem mittleren Schalldruckpegel von 84 dB(A) bei 100 km/h ist der Schuberth mit Abstand der leiseste Helm im Test, der zweitleiseste kommt bereits auf rund 92 dB(A). Bei den lautesten Modellen von Shoei und HJC zeigen die Messgeräte sogar fast 95 dB(A) an. Schon drei dB(A) werden vom Menschen als Lärmverdoppelung empfunden. Beim Shoei kann der als Zubehör erhältliche Zusatzkragen »Whisper Strip« den Schalldruck immerhin auf 86 dB(A) drücken. Das Teil für 40 € ist also dringend zu empfehlen und sollte eigentlich zur Serienausstattung gehören.
Bedienung ohne Rätsel
Der Appell an die Hersteller ist klar: Helme müssen leiser werden. Denn hohe Schalldruck-Belastungen über längere Zeit können das Gehör schädigen. Ein Beispiel aus dem gewerblichen Lärmschutz: Fur Bereiche mit 80 dB(A) Lärm und mehr muss Gehörschutz zur Verfügung stehen. Steigt der Krach während eines achtstündigen Arbeitstags über 85 dB(A), muss der Gehörschutz zwingend getragen werden. Die meisten Helme liegen über dieser kritischen Marke. Die Handhabung der Helme wird im Test zwischen "gut" und "befriedigend" beurteilt, in den Einzelkriterien ergeben sich aber deutliche Unterschiede. Diese Detail-Beurteilungen nebst der Liste mit besonderen Stärken und Schwächen der getesteten Modelle sind im Internet nachzulesen. So kann jeder Motorradfahrer seinen persönlichen Helm-Favoriten bestimmen.
Nicht entgehen lasst sich der ADAC die Chance, einen aktuell angebotenen Billig-Helm nachträglich zu testen. Der »Motorrad-Helm«, vom Discounter Aldi-Süd im März für nur 39,99 Euro verkauft, macht seine Sache in einer Hinsicht gar nicht so schlecht: Beim Schlagtest weist er zwar zwischen 20 und 38 Prozent höhere Belastungswerte auf als die Markenhelme, die gültige ECE-Norm aber schafft er gut. Seine Eignung für Motorradfahrer ist dennoch eingeschränkt. Bei längeren Fahrten unter verschiedenen Witterungsbedingungen und mit wechselnden Geschwindigkeiten stößt das Visier schnell an seine Grenzen: Es beschlägt heftig, außerdem dringt reichlich Regenwasser ein und läuft innenseitig an der Scheibe herunter. Bei feuchter Witterung müsste das Visier zur Lüftung geöffnet werden, was wiederum die aktive Sicherheit weiter beeinträchtigt. Störend ist auch ein ständiger Luftzug im Augen und Nasenbereich.
Billighelm mit Schwächen
Fazit: Der Helm ist allenfalls fur Fahrten mit leichteren motorisierten Zweirädern im Bereich bis 100 km/h und bei Trockenheit zu empfehlen. Motorradfahrer, die mit hoherem Tempo und bei jeder Witterung unterwegs sein wollen, kommen um teurere Markenhelme nicht herum. Und noch ein Test auserhalb der Konkurrenz: Fur zwei nicht ECE-normierte Halbschalenhelme (Braincaps) - sehr beliebt bei Chopper-Fahrern - schlagt im Labor die Stunde der Wahrheit:
Die Schlagprüfung ergibt in Sachen Kopfbelastung bis zu dreifach höhere Werte als beim Durchschnitt der ECE-Helme. Bei Unfällen steigt hier die Gefahr schwerster Kopf- und Hirnverletzungen massiv. Auserdem decken Braincaps nur einen Bruchteil der gefährdeten Kopfbereiche ab. Nach unserer Ansicht sollte der Gesetzgeber solch mangelhaften Kopfschutz ganz verbieten und die geeigneten Schutzhelme im Paragrafen 21a der Straßenverkehrsordnung durch ECE-geprüfte Motorradhelme ersetzen. In vielen EU-Ländern ist das Tragen solcher Schutzhelme bereits Vorschrift.